Litfaß erhielt den Zuschlag, und schon im Jahr darauf wurden die ersten 100 Säulen in Berlin aufgestellt. Von hier aus eroberten sie andere Länder und Städte, so auch Hamburg, wo einige wenige historische Exemplare bis heute überlebt haben.
Jahrzehntelang gehörten die Säulen so selbstverständlich zum Stadtbild wie Telefonzellen, sie dienten als Nachrichtenbörse, Kinoprogramm, Werbeträger und Propaganda-Instrument, sie inspirierten Schriftsteller, Songschreiber und Filmemacher. In jüngster Zeit sind sie allerdings von der Flut moderner Werbesäulen und -tafeln weitgehend verdrängt worden und in ihrer ursprünglichem Form vom Aussterben bedroht. Aber zuweilen findet man sie auch heute noch in Hamburg, einige wenige davon in historischer Ausführung (gemauert, mit grünem Kegeldach und einer kleinen Kreuzblume auf der Spitze) stehen sogar unter Denkmalschutz, z.B. am Spielbudenplatz bei den „Tanzenden Türmen“, am Neuen Pferdemarkt oder auf dem Großneumarkt, an der Rothenbaumchaussee oder auch bei der Apostelkirche in Eimsbüttel.
Und wie es sich für eine bedrohte Art gehört, gibt es seit einigen Jahren sogar einen eigenen „Tag der Litfaßsäule“ am 1. Juli!
Auch in unserem Nachbarland Frankreich fand einige Jahre später eine ähnliche Entwicklung statt:Ab 1868 tauchten in Paris – auf Initiative des Druckers Gabriel Morris – erstmals in großem Stil Litfaßsäulen auf. Um dem chaotischen, unregulierten Plakatieren entgegenzuwirken, das während des Zweiten Kaiserreichs das Stadtbild beeinträchtigte, beschloss die Stadt Paris, dem Unternehmen Morris ein Monopol zu erteilen.
Im Gegenzug für die Instandhaltung dieser Anlagen erhielt der Drucker das Exklusivrecht, dort Plakate für Theater, Konzerte und Kinos anzubringen. Das Ziel war einfach: kulturelle Informationen zu ordnen und den Passanten zugleich einen eleganten und funktionalen Orientierungspunkt zu bieten.
Ein Design, das seine wahre Natur verbirgt. Die Litfaßsäule ist mehr als nur ein gusseiserner Zylinder. Ihr Design – seit über einem Jahrhundert nahezu unverändert – ist ein Paradebeispiel für die Ästhetik von Baron Haussmann. Mit ihrem gewölbten Dach (oder Baldachin), den Akanthusblatt-Verzierungen und der zentralen Säule fügt sie sich harmonisch in die Architektur der großen Boulevards ein. Doch sie verbirgt auch längst vergessene praktische Funktionen: Ursprünglich dienten einige Exemplare als Unterstand für Straßenkehrer oder sogar als öffentliche Toiletten, bevor ihre Nutzung strikt auf kulturelle Werbung beschränkt wurde.
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